Warum lässt Ernst Jünger Archivare verzweifeln?

Geschrieben von Dr. Books am 21. November 2009 | Abgelegt unter Über Autoren

Die Leidenschaft des Schwaben galt, neben der Schriftstellerei natürlich, der Insektenjagd. Nicht anders als sein Berufskollege Vladimir Nabokov (1899-1977) hat Jünger (1895-1998) in seinem 102 Jahre währenden Leben Zehntausende Käfer und Schmetterlinge zur Strecke gebracht. Von dieser Obsession zeugt auch sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Denn das hat nicht nur die Papiere des Autors geerbt, sondern auf Tausenden Seiten auch alle möglichen Insekten – festgeklebt mit Tesafilm. Die älteste Beigabe datiert aus dem Jahr 1942.

Sondermarke Ernst Jünger

Ausgedörrte Weberknechte, mumifizierte Spinnen, plattgedrückte Falterleiber – all das klebt auf Manuskriptseiten, Wirtshausrechnungen, Korrespondenz. Nun sind Archivare keine Zoologen. Trotzdem hegt man in Marbach den wissenschaftlichen Ehrgeiz, den Nachlass von Jünger nicht nur der Forschung zu erschließen, sondern der Nachwelt für alle Zeit zu bewahren – mit den Insekten, aber ohne Tesafilm.

Denn die Klebestreifen haben einen großen Fehler: Die eigentliche Klebemasse basierte bis 1980 auf Naturkautschuk. Der wiederum neigt dazu, sich zu verflüssigen und seitlich unter dem Tesafilmstreifen hervorzuquellen. Die Folge: Das Polymer verlackt und verfärbt sich. Zudem greift der Weichmacher im durchsichtigen PVC-Trägerstreifen Handschriften an und lässt sie, wie es im Fachjargon heißt, „ausbluten“.

So hat Jünger selbst zahllose kleine Zeitzünderbomben in seinen Manuskriptbergen versteckt. Diese müssen die Archivare nun mühsam aufspüren und entschärfen. Und sie wollen versuchen, die verfärbten, verklebten, eingerissenen, in teilweiser Auflösung befindlichen Tesa-Collagen aus handschriftlich geschriebenen Wörtern und aufgeklebten Insekten zu erhalten – mit einem neuartigen, archivtauglichen Tesafilm.

Roman Deininger hat diese Jünger-Geschichte im Magazin „Wissen“ der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben – und auch die Tesa-Forschungsabteilung besucht. Dort fahndet man nach dem Tesafilm der Zukunft. Doch besser wird es nur schrittweise. Immerhin verklebt und verfärbt die Klebemasse das Papier nicht mehr ganz so brutal, seit der Naturkautschuk durch eine Basis von Polyacrylaten ersetzt wurde.  Auch die Haltbarkeit wird von bislang 20 auf 40 und irgendwann auch 60 Jahre erhöht. Doch das Rezept für den ewig klebenden, absolut unschädlichen Tesafilm hat man noch nicht gefunden.

In Deiningers Geschichte berichtet die Jünger-Archivarin Manuela Reikow-Räuchle, dass man schon zu Lebzeiten Jüngers versucht habe, dessen Passion für Tesafilm in weniger selbstzerstörerische Bahnen zu lenken.  Bei jedem seiner durchaus häufigen Besuche in Marbach habe man ihm Tesafilm von höchster Qualität und Reinheit an die Hand gegeben, verbunden mit der flehentlichen Bitte, fortan nur noch diese Superstreifen zur Fixierung seiner Textbeigaben zu verwenden. Nach Jüngers Tod habe man dann im Spätwerk sehen können, dass sich der Meister durchaus an die Bitte gehalten habe. Allerdings nach jedem Besuch höchstens vier, fünf Seiten lang. Dann hat wieder mit seinem alten Tesafilm weitergeklebt.

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