Preis der Leipziger Buchmesse für Hegemann?

Geschrieben von Dr. Books am 12. Februar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

In der Verteidigung von Helene Hegemann legt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nach. Nicht der 17-Jährigen Autorin des Romans “Axolotl Roadkill” sei wegen ausführlichen Abschreibens ein Vorwurf zu machen, sondern allen, so schreibt der Kritiker Jürgen Kaube, “die als Täter und Unterlasser in Betracht kommen …: Verleger, Lektoren, Agenten, Freunde, Rezensenten, der Vater …”. Sie alle hätten mehr Gefallen an der Vermarktung der Biografie von Hegemann gefunden, als ihr Manuskript kritisch und kompetent zu untersuchen.

So wie FAZ-Kaube kann man die Sache tatsächlich sehen: Der Markt brauchte wieder einmal ein Fräuleinwunder – und erschuf sich die Göre aus Berlin-Kreuzberg als verruchte Inkarnation der aktuellen Jugendkultur, die man sich als eine verlorene vorstellt, illusionslos, von einer Party zur nächsten taumelnd, wissend, niemals einen festen (Arbeits-)Platz in dieser Gesellschaft zu finden.

Kiffen, ficken, saufen – so ein Dasein hätten natürlich auch die durch und durch bürgerlichen Rezensenten gern in Jugendjahren gehabt. Doch die Zeiten sind vorüber. Umso schöner, wenn erwachsene Leser sich stattdessen an den vulgären Passagen in dem Roman einer 17-Jährigen berauschen können, der all das widerfährt, was einem selbst vorenthalten blieb.

So weit, so verständlich. Doch Rezensenten und Lektoren sind keine gewöhnlichen Leser. Sollten sie nicht, wenn sie ihre Aufgabe ernst nähmen, Literatur auf ihren künstlerischen Wert überprüfen statt den Stellenwert einenes Romans vor allem an der illustren Biografie seiner minderjährigen Verfasserin zu messen? Im typischen altfränkischen Feulletonduktus, inhaltlich trotzdem zutreffend, konstatiert Kaube: “Doch eine von der Angst bürgerlicher Blässe und des Altwirkens heimgesuchte Literaturkritik freut sich dann daran, dass das Leben die Hosen herunterlässt, die den Kritikern selbst nicht mehr passen, man feiert das junge Célinchen als görè fatale, obwohl sie selber eine Stubenhockerin ist, die Bücher und Webseiten ausgewertet hat.”

Der Wirbel um die inkriminierten Passagen in Hegemanns “Axolotl Roadkill” wird sich legen. Was der Vorfall für die Karriere der Jungautorin bedeutet, wird sich zeigen. Dass ihr Roman aber in die engste Auswahl für den Preis der Leipziger Buchmesse genommen wurde, ist ein falsches Signal. Unbeeindruckt von den Enthüllungen der letzten Tage spricht Juryvorsitzende Verena Auffermann von einer “extrem begabten” Autorin. Das Buch zeige verschiedene Sprachen: “Internetsprache, gebildete Sprache, SMS-Sprache, Jugendjargon. Und das alles wird gesampelt … und was dabei herauskommt … ist eine neue Kultur.”

Eine Auszeichnung in Leipzig wäre ein Affront gegen alle talentierten Autoren, die tatsächlich ihre Fantasie und Lebenserfahrung bemühen, um imaginäre Welten zu erschaffen – statt “zu sampeln” und “zu remixen”, per Copy-And-Paste im Internet.

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