Neuer Roman vom toten Jerome D. Salinger?

Geschrieben von Dr. Books am 29. Januar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

Der Ruhm des Schriftstellers Jerome D. Salinger, der jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben ist,  gründet auf einem einzigen Buch: „Der Fänger im Roggen“, die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers Holden Caulfield (für Neuleser zu empfehlen in der Übersetzung von Eike Schönfeld). Und obwohl der schmale Roman bereits 1951 erschienen ist, vor fast 60 Jahren, verkauft sich der Titel heute noch angeblich weltweit eine Viertelmillion Mal im Jahr.

Der Erfolg dieses Buch ist fast so mysteriös wie das Leben seines Verfassers. Denn Salinger (Jg. 1919) lebte jahrzehntelang wie ein Eremit auf seinem Landsitz in Cornish im US-Bundesstatt New Hampshire. Jedem, der versuchte, sein Privatleben zu untersuchen, Biografen eingeschlossen, schickte er teure Anwälte auf den Hals. Seit 1965 hat er keine Zeile mehr veröffentlicht. Sein letztes gedrucktes Interview stammt aus dem Jahr 1980.

Salingers größter Erfolg: "Der Fänger im Roggen", übersetzt von Eike Schönfeld

Salingers größter Erfolg: "Der Fänger im Roggen", übersetzt von Eike Schönfeld

Sein Dasein als Phantom, ähnlich wie Thomas Pynchon, der andere große Unbekannte der zeitgenössischen US-Literatur, hat Salingers Popularität stetig wachsen lassen. Seine treuesten Fans, die „Salingerologen“, identifizieren sich völlig mit dem Außenseiter Holden Caulfield und dessen Verwünschung der heilen bürgerlichen Welt – ungeachtet der Tatsache, dass das Dasein heute ein anderes ist als vor 60 Jahren. Mark Chapman, der 1980 den Beatle John Lennon erschoss, berief sich ebenso auf das Vorbild Holden Caulfields wie der sadistische Mörder Charles Manson. Salingers Tochter wiederum beschrieb Salinger als Familientyrannen, der obendrein in Fantasiesprachen vor sich hingrummeln würde.

Mit der kultischen Fixierung auf den „Fänger im Roggen“, eine Schullektüre in Deutschland, gerieten die anderen Veröffentlichungen von Salinger aus dem Blick: etwa „Nine Stories“ (1953) und die lange Erzählung „Franny und Zooey“ (1961). Im Sommer 2009 ließ Salinger das Werk eines jungen Autoren gerichtlich verbieten, der den „Fänger im Roggen“ weiter erzählen wollte, mit Salinger als Mittsiebziger.

Mag sein, dass ihn die Vielstimmigkeit seiner Interpreten, die hysterische Verehrung auf der ganzen Welt ins selbst gewählte Exil getrieben haben – vielleicht auch in den latenten Wahnsinn. Weit weg vom Getöse des Kulturrummels jedenfalls soll Salinger unablässig weiter geschrieben haben. In seinem letzten Interview 1980 sagte er: “Ich liebe das Schreiben und kann Ihnen versichern, dass ich immer noch schreibe. Aber ich schreibe alleine, und ich möchte dabei absolut alleine gelassen werden.”

Die spannende Frage, die sich nun, am Todestag von Jerome D. Salinger bei seinen Fans in aller Welt stellt: Werden im Nachlass bislang unveröffentlichte Werke auftauchen?

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