Helene Hegemann macht Männern Angst

Geschrieben von Dr. Books am 18. Februar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

Ist “Axolotl Roadkill” der neue Leitstern der Frauenliteratur? Und Helene Hegemann die Hohe Priesterin eines neuen Feminismus? – Zumindest scheint Iris Radisch, die Literaturchefin der ZEIT, dieser Meinung zu sein.

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In einem auf Effekt getrimmten Pamphlet (”Die alten Männer und das junge Mädchen”) zürnt sie allen männlichen Literaturkritikern. “Die Fußnotenwächter”, die “durch Männerkartelle kontrollierte Medienkultur”, “die schöne alte Männerwelt” – alle Rezensenten würden die 17-Jährige Helene Hegemann unter dem Vorwand des Kopierdelikts kaputtschreiben. In Wahrheit aber hätte “die Medienwelt von Mannes Gnade” Angst davor, Hegemann könne die Vorbotin einer neuen, unabhängigen, “noch nicht hierarchisierten” Literatur werden, deren Erfolg oder Misserfolg die (männlichen) Rezensenten nicht länger beeinflussen könnten.

Es ist unübersehbar: Längst hat sich die Hegemann-Debatte von der eigentlichen Ursache gelöst. Iris Radisch tut, was alle Feuilletonisten am liebsten tun: Nicht die Qualität eines Buches beurteilen, sondern das Buch zum Anlass nehmen, in einem weiten Bogen über alles zu schwadronieren, was man über sein eigenes Weltbild und die Unfähigkeit der Kollegen schon immer mal sagen wollte. Und weil Radisch in der ZEIT publiziert, gehört noch die akademische Verbrämung dazu. Wie die Streberin in einem Oberseminar, deklamiert Radisch zusammenhanglos, “dass das Verschwinden des Authentizitätsgefühls in der Kultur, für die (Hegemann) steht, mehr als eine Derridasche Stilübung ist.”

Satire? Ein Karneval-Nachschlag? Solche Artikel entstehen nicht zum Nutzen des Lesers. Es sind Debatten, die die Feuilletonisten untereinander austragen. Zum Ritual gehört es, dass spätestens morgen der erste der Gescholtenen in seinem Feuilleton zum Gegenschlag auf Radisch ausholen wird.

Ach ja, und Helene Hegemann? Die ist längst vereinnahmt und wird ungefragt zur Erlöserin stilisiert. In der ZEIT hat man fünf Fotos so arrangiert, das Hegemann im Zentrum steht und Bertolt Brecht, Paul Celan, Thomas Mann und Elfriede Jelinek sie flankieren – wie kleine Trabanten ihre Sonne.

Es scheint, dass die Zeit der Narren in diesem Jahr auch am Aschermittwoch noch lange nicht vorüber ist.

2 Kommentare zu “Helene Hegemann macht Männern Angst”

  1. am 20. Februar 2010 um 21:41 1.Breakadawn schrieb …

    Ihr Artikel spricht mir aus der Seele und das, obwohl ich mich mit meinen 25 Lenzen noch nicht zur “schönen alten Männerwelt” rechne. Ich habe nach fast zehn Jahren mein Zeit Abo gekündigt, weil ich die pseudointerlektuelle Redundanz und die Verlogenheit der Macher nicht mehr ertrage. Was meine Person betrifft, stellt sich der Fall Hegemann folgendermaßen dar: Von einem Tag auf den nächsten schreiben alle Feuilletons Jubelgesänge auf das Buch einer bis dato völlig unbekannten Autorin. Als sie des Schmückens mit fremden Gedanken überführt wird, werden Post-Post-Schwafel-Diskurse und – wie gerade in der aktuellen Zeit – die poststrukturalistische Literaturtheorie für den Welpenschutz mißbraucht. Es wird gepalimpsestet was das Zeug hält, ohne jedoch die zwangsläufige Beschränktheit dieser Unterform der Intertextualität hervorzuheben oder das Wort Intertext überhaupt zu benutzen. Man möchte Iris Radisch und ihren Freunden (Carl Hegemann) mit Gadamer entgegnen: Es gibt keine Tatsachen, die nicht als Antwort auf bestimmte Fragen zu verstehen sind. Offenzulegen, welche Fragen gestellt wurden, warum jene gestellt wurden, und welche Fragen zu stellen möglich gewesen wäre, dachte ich, ist die Aufgebe von Qualitätsjournalismus. Beurteilte man Hegemanns Buch z.B. nach den Anforderungen der Rezeptionsästhetik, so müsste das Urteil aufgrund der fehlenden ästhetischen Distanz völlig vernichtend ausfallen. D.h., dass genau dasselbe was die Kritiker in autistischen Jubel ausbrechen lässt aus einer anderen Perspektive als lauwarme Erbsensuppe vom Vortag erscheint. Daher spielt in diesem Spiel um Hegemann leider niemand mit offenen Karten. Am wenigsten die Medien selbst.

  2. am 21. Februar 2010 um 06:26 2.Dr. Books schrieb …

    Liebe(r) Breakadawn, für meinen Geschmack ist es sogar zu viel der Ehre und übertrieben pompös, in Bezug auf “Axolotl Roadkill” literaturwissenschaftliche Zurordnungsversuche zu unternehmen. Auch wenn Helene Hegemann mit dem Begriff “Intertextualität” zitiert wird, glaube ich nicht, dass sie beim Arrangieren (”remixen”) des Buches über poststrukturalistische Intertextualitättheorien o.ä. nachgedacht hat. Rezensenten, die mit solchem Fachjargon in ihren Zeitungsartikeln zu imponieren versuchen und auf diese Weise “herkömmlichen” Lesern, d.h. in diesen Begriffen nicht bewanderten Lesern, ihre Verachtung zollen, waren mir schon immer suspekt. – Ich urteile viel nüchterner: Eine (bis vor wenigen Tagen) 17-Jährige hat ein Buch geschrieben, das sie einen Roman nennt. Dieser Roman schildert die Erlebniswelt einer 17-Jährigen. Er sollte daher von 17-Jährigen gelesen und beurteilt werden. Wenn “alte Leute” nach der Lektüre dieses kalkuliert provozierenden und spätpubertären Buches in Ekstase geraten und die Geburt einer neuen, alles verändernden Literaturgattung ausrufen – dann wende ich mich ab, mit Grausen und Empörung und viel, viel Verwunderung. Umso tröstlicher deshalb, dass zumindest Sie das ähnlich sehen.

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