FAZ-Literaturchefin findet Hegemanns Abschreiben okay

Geschrieben von Dr. Books am 9. Februar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

Und wieder fällt ein Vorurteil in sich zusammen: Sonntag enttarnte sich das vermeintliche literarische Wunderkind Helene Hegemann als fröhliche Kopistin. Nun liefert die Literaturchefin Felicitas von Lovenberg den Beweis, dass sich hinter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung keineswegs immer ein kluger Kopf verbergen muss.

In einem Beitrag zum Hegemann-Affärchen bricht sie eine Lanze für die “so junge und so begabte” Autorin. Sie habe sich keines dreisten Ideenklaus schuldig gemacht, sondern nur das getan, was nach Ansicht von Frau Lovenberg alle Inhalteproduzenten im Internet tun: “Sich mehr oder weniger ungeniert bei anderen … bedienen und das dann Inspiration … nennen”. Dies sei, so doziert Frau Lovenberg fort, “die moderne Form der webbasierten Intertextualität.”

Also einen Haken hinter? Nach Meinung von Frau Lovenberg schon. Schließlich herrsche im Internet “in Urheberrechtsfragen nur Chaos”. Soll man also Verständnis haben für Helene Hegemanns Einstellung, als Künstlerin müsse sie sich ablösen “von diesem ganzen Urheberrechtsexzess”; es gebe ein “Recht zum Kopieren und zur Transformation“.

Niemand käme auf die Idee, den Rezensenten der FAZ eine Humorkompetenz zuzubilligen. Deshalb muss man davon ausgehen, dass Frau Lovenberg allen Ernstes das Plagiat als ein Stilmerkmal der zeitgenössischen Literatur akzeptiert. “In der Zeit Googles”, liest man bei ihr, “ist es in der Tat schwierig, eigene Inspirationen von fremden zu unterscheiden – darauf basiert die ganze Idee der social media.”

Fast tut es weh, wenn man ansieht, wie sich die FAZ-Literaturchefin um Kopf und Kragen schreibt: Einmal weil sie das spätpubertäre Pamphlet “Axolotl Roadkill” in den Rang von Literatur stilisiert, andererseits weil sie ein mehr als schräges Verständnis vom Publizieren im Internet offenbart. Auch der Mediendienst meedia.de wundert sich und resümiert, für Frau Lovenberg ist nicht die Autorin, “sondern das Internet an allem schuld”.

Eine verkehrte Welt. Dazu passt der Schlusssatz in Lovenbergs Artikel. Man dürfe gespannt sein, wie Airen, der kopierte und bislang schweigende Autor, sich zu dem Vorfall äußern wird: “Vielleicht ist er ja einfach dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Roman jetzt findet.”

Helene Hegemann: Alles nur geklaut?

Geschrieben von Dr. Books am 8. Februar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

Die Berliner Autorin Helene Hegeman, gerade mal 17 Jahre alt, steht mit ihrem Roman “Axolotl Roadkill” auf Platz 5 der Spiegel-Bestsellerliste. Sie ist das literarische Wunderkind der Saison, gehypt vom Feuilleton, das gern minderjährige Wunderkinder erfindet – und dann auch schnell wieder vergisst. Oder erinnert sich noch jemand an Benjamin Lebert (”Crazy”) und Zoe Jenny (”Das Blütenstaubzimmer”), zwei Jungstars von ehedem?

Dass der Verkaufserfolg von “Axolotl Roadkill” sich einzig der Medienpräsenz der Autorin verdankt, muss jedem klar werden, der auch nur zwei Seiten in dem so genannten “Roman” blättert. Es geht ums Partymachen, “Scheiß Bürger”, “Scheiß Kapitalismus”, Drogen, Ficken, Transen – kurz alles, was biedere Rezensenten gesetzten Alters elektrisiert, weil sie es für verwegen und also künstlerisch halten. In Wahrheit ist es nichts als der banale Alltag einer Berliner Göre,  die in einem Spiegel-Interview aufmerksamkeitsstark damit kokettierte, “ein gestörrter Jugendlicher” zu sein.

Nun sieht es so aus, als sei nicht nur Helene Hegemann eine Erfindung, sondern auch ihr Text – präziser: ein Plagiat. Zumindest hat die Autorin zugeben müssen, gänzlich unverbrämt aus dem Blog “Strobo – Technoprosa aus dem Berghain” abgeschrieben zu haben. Aber “höchstens eine Seite”, beschwichtigt Hegemann. Ihr Verlag indes, Ullstein, zeigt sich alarmiert und will nun nachträglich die Nutzungsrechte vom Berliner Kleinverlag SuKuLTur erwerben, wo “Strobo” im Spätsommer 2009 erschienen ist.

Cover des Romans "Strobo" von Airen

Fast jeder Autor, der einen Publikumserfolg erzielt, sieht sich über kurz oder lang, zu recht oder zu unrecht, Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Bei Hegemann freilich scheinen die Vorwürfe zuzutreffen. Und der Umfang der abgeschriebenen Textteile scheint nicht unerheblich zu sein.

Peinlich. Denn etwas voreilig hatte ihr die Rezensentengemeinde schon den Lorbeer geflochten, sollte Hegemann auf der Leipziger Buchmesse noch viel größer rauskommen. Anlässe dafür gibt es nun immer weniger, nachdem sich selbst der Verdacht schriftstellerischen Talents als unbegründet erwiesen hat. Dabei kommt die Enthüllung nicht wirklich überraschend. Schon früher hat Hegemann in einem Interview gesagt, sie plündere „total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst“.

Die Jungautorin Helene Hegemann ist also gottlob nicht mehr als bloß ein Kind ihrer Zeit, der Copy-And-Paste-Generation. Es gebe “keine Originalität mehr”, wird sie zitiert, “sondern nur Echtheit”. Den Unterschied dürfte wohl nur ein literarisches Wunderkind begreifen.

Neuer Roman vom toten Jerome D. Salinger?

Geschrieben von Dr. Books am 29. Januar 2010 | Abgelegt unter Über Autoren

Der Ruhm des Schriftstellers Jerome D. Salinger, der jetzt im Alter von 91 Jahren gestorben ist,  gründet auf einem einzigen Buch: „Der Fänger im Roggen“, die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers Holden Caulfield (für Neuleser zu empfehlen in der Übersetzung von Eike Schönfeld). Und obwohl der schmale Roman bereits 1951 erschienen ist, vor fast 60 Jahren, verkauft sich der Titel heute noch angeblich weltweit eine Viertelmillion Mal im Jahr.

Der Erfolg dieses Buch ist fast so mysteriös wie das Leben seines Verfassers. Denn Salinger (Jg. 1919) lebte jahrzehntelang wie ein Eremit auf seinem Landsitz in Cornish im US-Bundesstatt New Hampshire. Jedem, der versuchte, sein Privatleben zu untersuchen, Biografen eingeschlossen, schickte er teure Anwälte auf den Hals. Seit 1965 hat er keine Zeile mehr veröffentlicht. Sein letztes gedrucktes Interview stammt aus dem Jahr 1980.

Salingers größter Erfolg: "Der Fänger im Roggen", übersetzt von Eike Schönfeld

Salingers größter Erfolg: "Der Fänger im Roggen", übersetzt von Eike Schönfeld

Sein Dasein als Phantom, ähnlich wie Thomas Pynchon, der andere große Unbekannte der zeitgenössischen US-Literatur, hat Salingers Popularität stetig wachsen lassen. Seine treuesten Fans, die „Salingerologen“, identifizieren sich völlig mit dem Außenseiter Holden Caulfield und dessen Verwünschung der heilen bürgerlichen Welt – ungeachtet der Tatsache, dass das Dasein heute ein anderes ist als vor 60 Jahren. Mark Chapman, der 1980 den Beatle John Lennon erschoss, berief sich ebenso auf das Vorbild Holden Caulfields wie der sadistische Mörder Charles Manson. Salingers Tochter wiederum beschrieb Salinger als Familientyrannen, der obendrein in Fantasiesprachen vor sich hingrummeln würde.

Mit der kultischen Fixierung auf den „Fänger im Roggen“, eine Schullektüre in Deutschland, gerieten die anderen Veröffentlichungen von Salinger aus dem Blick: etwa „Nine Stories“ (1953) und die lange Erzählung „Franny und Zooey“ (1961). Im Sommer 2009 ließ Salinger das Werk eines jungen Autoren gerichtlich verbieten, der den „Fänger im Roggen“ weiter erzählen wollte, mit Salinger als Mittsiebziger.

Mag sein, dass ihn die Vielstimmigkeit seiner Interpreten, die hysterische Verehrung auf der ganzen Welt ins selbst gewählte Exil getrieben haben – vielleicht auch in den latenten Wahnsinn. Weit weg vom Getöse des Kulturrummels jedenfalls soll Salinger unablässig weiter geschrieben haben. In seinem letzten Interview 1980 sagte er: “Ich liebe das Schreiben und kann Ihnen versichern, dass ich immer noch schreibe. Aber ich schreibe alleine, und ich möchte dabei absolut alleine gelassen werden.”

Die spannende Frage, die sich nun, am Todestag von Jerome D. Salinger bei seinen Fans in aller Welt stellt: Werden im Nachlass bislang unveröffentlichte Werke auftauchen?

Welches Land produziert die meisten Bücher?

Geschrieben von Dr. Books am 27. Dezember 2009 | Abgelegt unter Allgemein

Fast 95 000 Bücher sind 2008 in Deutschland neu erschienen. Doch trotz dieser papiernen Flut sind die Deutschen keineswegs die Weltmeister der Buchproduktion. Zeit-Redakteur Christoph Drösser hat für acht Länder recherchiert, wieviele neue Bücher pro eine Million Einwohner erschienen sind – allerdings für das Jahr 2005:

China 97, Italien 887, Südkorea 890, Deutschland 952, USA 956, Frankreich 1053, Spanien 1361, Großbritannien 1830.

Warum lässt Ernst Jünger Archivare verzweifeln?

Geschrieben von Dr. Books am 21. November 2009 | Abgelegt unter Über Autoren

Die Leidenschaft des Schwaben galt, neben der Schriftstellerei natürlich, der Insektenjagd. Nicht anders als sein Berufskollege Vladimir Nabokov (1899-1977) hat Jünger (1895-1998) in seinem 102 Jahre währenden Leben Zehntausende Käfer und Schmetterlinge zur Strecke gebracht. Von dieser Obsession zeugt auch sein Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Denn das hat nicht nur die Papiere des Autors geerbt, sondern auf Tausenden Seiten auch alle möglichen Insekten – festgeklebt mit Tesafilm. Die älteste Beigabe datiert aus dem Jahr 1942.

Sondermarke Ernst Jünger

Ausgedörrte Weberknechte, mumifizierte Spinnen, plattgedrückte Falterleiber – all das klebt auf Manuskriptseiten, Wirtshausrechnungen, Korrespondenz. Nun sind Archivare keine Zoologen. Trotzdem hegt man in Marbach den wissenschaftlichen Ehrgeiz, den Nachlass von Jünger nicht nur der Forschung zu erschließen, sondern der Nachwelt für alle Zeit zu bewahren – mit den Insekten, aber ohne Tesafilm.

Denn die Klebestreifen haben einen großen Fehler: Die eigentliche Klebemasse basierte bis 1980 auf Naturkautschuk. Der wiederum neigt dazu, sich zu verflüssigen und seitlich unter dem Tesafilmstreifen hervorzuquellen. Die Folge: Das Polymer verlackt und verfärbt sich. Zudem greift der Weichmacher im durchsichtigen PVC-Trägerstreifen Handschriften an und lässt sie, wie es im Fachjargon heißt, „ausbluten“.

So hat Jünger selbst zahllose kleine Zeitzünderbomben in seinen Manuskriptbergen versteckt. Diese müssen die Archivare nun mühsam aufspüren und entschärfen. Und sie wollen versuchen, die verfärbten, verklebten, eingerissenen, in teilweiser Auflösung befindlichen Tesa-Collagen aus handschriftlich geschriebenen Wörtern und aufgeklebten Insekten zu erhalten – mit einem neuartigen, archivtauglichen Tesafilm.

Roman Deininger hat diese Jünger-Geschichte im Magazin „Wissen“ der Süddeutschen Zeitung aufgeschrieben – und auch die Tesa-Forschungsabteilung besucht. Dort fahndet man nach dem Tesafilm der Zukunft. Doch besser wird es nur schrittweise. Immerhin verklebt und verfärbt die Klebemasse das Papier nicht mehr ganz so brutal, seit der Naturkautschuk durch eine Basis von Polyacrylaten ersetzt wurde.  Auch die Haltbarkeit wird von bislang 20 auf 40 und irgendwann auch 60 Jahre erhöht. Doch das Rezept für den ewig klebenden, absolut unschädlichen Tesafilm hat man noch nicht gefunden.

In Deiningers Geschichte berichtet die Jünger-Archivarin Manuela Reikow-Räuchle, dass man schon zu Lebzeiten Jüngers versucht habe, dessen Passion für Tesafilm in weniger selbstzerstörerische Bahnen zu lenken.  Bei jedem seiner durchaus häufigen Besuche in Marbach habe man ihm Tesafilm von höchster Qualität und Reinheit an die Hand gegeben, verbunden mit der flehentlichen Bitte, fortan nur noch diese Superstreifen zur Fixierung seiner Textbeigaben zu verwenden. Nach Jüngers Tod habe man dann im Spätwerk sehen können, dass sich der Meister durchaus an die Bitte gehalten habe. Allerdings nach jedem Besuch höchstens vier, fünf Seiten lang. Dann hat wieder mit seinem alten Tesafilm weitergeklebt.

Was ist eine Smart Novel?

Geschrieben von Dr. Books am 15. November 2009 | Abgelegt unter Leser fragen, Dr. Books antwortet

Früher haben Schriftsteller Fortsetzungsromane für die Tageszeitung geschrieben, heute dichten sie fürs Handy: Smart Novel sind Episodenromane, die man sich auf dem Handy anzeigen lässt. In Frankreich hat sich eine Reihe von Autoren auf diese Kurzprosa spezialisiert. Wer fürs mobile Telefon schreibt, muss sich kurz fassen. Die 140-Zeichen-Vorgabe von Twitter mag man sich da als Maßstab wählen.

„Smart“ sind diese Novels  (englisch für „Romane“), weil man sie auf den multimedialen Smartphones am komfortabelsten konsumieren kann. Denn diese verfügen über eine schnelle Internetverbindung und einen größeren Bildschirm als herkömmliche Handys. Die ersten Episoden gibt es gratis. Und falls ein Leser Gefallen gefunden hat und mehr will, wird er zur Kasse gebeten: Weitere Downloads sind kostenpflichtig – und auch als Hörbücher erhältlich, vorgelesen vom Autor.

Freilich, vom Massengeschäft ist die Kompakt-Dichtung noch weit entfernt. Anders als Comics, die sich vor allem in Japan geradezu epidemisch über Handys verbreiten. 200 Millionen Dollar soll der Manga-Markt in 2007 wert gewesen sein. Inzwischen sind auch die Konsolen als Vertriebskanal entdeckt worden. Bezahlt wird, wie bei den Smart Novels, pro Download – oder man sichert sich über ein Abo den Zugriff auf verlockende Archive.

Was ist Bookcrossing?

Geschrieben von Dr. Books am 14. November 2009 | Abgelegt unter Allgemein

Eine eigentümliche Spezies von Buchbesitzern hat ihren Spaß daran, ihre Bücher, wie sie es nennen;, „freizulassen“. Diese eigentümlichen Menschen vertreten im Internet die Parole  „Regalhaltung ist Bücherquälerei“ und vergleichen also voll gepferchte Bücherregale mit voll gepferchten Hühnerbatterien. Dieser Vergleich ist natürlich zynisch. Und die eigentümlichen Menschen, die sich als Retter von Büchern stilisieren, die angeblich ein bejammernswertes Schicksal in drangvoller Regal-Enge fristen würden – diese Menschen handeln selbst, wenn nicht verwerflich, so doch zumindest fragwürdig: Denn sie lassen die Bücher nicht frei, sie setzen sie vielmehr aus und überlassen sie einem ungewissen Schicksal.

Bookcrossing

Wann immer Menschen eine Passion teilen, gründen sie einen Verein. Jene, die mit Absicht ihre Bücher in Arztpraxen iegenlassen, in Behördenfluren, Uni-Mensen und auf Schulhöfen, nennen sich BookCrosser. Ihren Stammtisch haben sie im Internet. Dort scharen sie sich um die Website www.bookcrossing.com. Mehr als 800.000 „BXers“ sind  zur Zeit, also im September 2009, dort registriert.

Der aktivste BXer hat den Nickname „pilareau“, den echten Namen Paul Lareau und er wohnt in Little Canada, wobei dieser Ort nicht in Kanada liegt, sondern im US-Bundesstaat Minnesota. Lareau ist seit Juni 2001 praktizierender BXer und hat in dieser Zeit nach eigenen Angaben  25 000 Bücher „freigelassen“. Das sind, rein rechnerisch, mindestens zehn Bücher pro Tag! – Als bibliophiler Mensch fragt man sich natürlich: Woher hat der Mensch diese vielen Bücher? Ist er Millionär? Investmentbanker? Oder Orthopäde? Hortet er die in Generationen gesammelten Bücherschätze seiner vielleicht uralten und weit verzweigten Sippe? – Eine böse Ahnung kommt auf, wenn man auf Lareaus Website liest, dass er ein Pensionär sei – und früher als Bibliothekar ggearbeitet habe. – Da stellt man sich boshaft vor,  wie Lareaus Amtsnachfolger jetzt durch Little Canada irrt, um unter Parkbänken, in Waschsalons und an Buswartehäuschen die „freigelassenen“ Bücher der städtischen Bibliothek wieder einzufangen.

Sieben Buch-Krankheiten

Geschrieben von Dr. Books am 11. November 2009 | Abgelegt unter Leser fragen, Dr. Books antwortet

R.V. aus W. fragt: Können Bücher irre machen? – Antwort: Ob es tatsächlich die Bücher sind, die manchem Buchliebhaber die Nerven rauben oder ob von vornherein eine Disposition für wundersames Verhalten vorliegt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall kennt die spezialisierte Medizingeschichte Neurosen, die aus dem Umgang mit Büchern resultieren. Dies sind sieben Zwangscharaktere:

• Biblioklast (von griech. klastein = zerbrechen): jemand, der besessen ist vom Wunsch Bücher zu zerstören.
• Bibliopath (von griech. pathos = Leiden): jemand, den Bücher krank machen.
• Bibliophag (von griech. phagein = essen): jemand, der Bücher “frisst” bzw. buchstäblich verschlingt.
• Bibliophobe (von griech. phobos = Angst): jemand, der Angst vor Büchern hat.
• Biblioskop (von griech. skopein = betrachten): jemand der Bücher durchblättert, ohne zu lesen.
• Bibliotaph (von griech. taphos = Grab): jemand, der zwanghaft seine Bücher versteckt und vor der Welt verbirgt (”wie in einem Grab”).
• Biblioverser (von lat. versus = gegen): jemand, der Bücher zweckentfremdend nutzt.

Gibt es Bücherwürmer wirklich?

Geschrieben von Dr. Books am 8. November 2009 | Abgelegt unter Leser fragen, Dr. Books antwortet

User F.R. aus W. hält “Bücherwürmer” für eine Metapher. Ihm muss ich antworten: Bücherwürmer gibt es wirklich! Denn völlig zu Recht hängt dem Nagekäfer (Anobium punctatum) das Attribut „Gemeiner“ an. Denn wie anders als „gemein“ soll man das Treiben seiner Larven nennen, wenn diese erstmal Geschmack an der häuslichen Bibliothek gefunden haben und mit unstillbarem Vergnügen Bücherseiten durchbohren?

Der gemeine Nagekäfer ist ein gemeiner Bücherwurm

Der gemeine Nagekäfer ist ein gemeiner Bücherwurm

Draußen im Wald erfüllen die Larven des auch „Holzwurm“ genannten Schädlings die Arbeit einer biologischen Müllabfuhr: Sie zernagen morsches Holz. Sieben, acht Jahre lang. Erst dann kriechen sie durch millimeterschmale Tunnel an die Oberfläche, verpuppen sich und schwingen sich als höchstens fünf Millimeter große Käferlein auf in die warme Sommerluft.

Normalerweise sind Nagekäfer heimattreu: Der modrige Baumstamm, der ihnen jahrelang als Kinderstube und Speisekammer gedient hat, wird meist auch zur Eiablage benutzt. So werden und vergehen Generationen von Nagekäfern auf ein und demselben Holz – bis dieses irgendwann komplett vertilgt ist.

Doch kann es auch passieren, dass laue Lüfte die Käfer während der Flugsaison, von Mai bis August, aus dem Wald heraus und mitten hinein in menschliche Besiedlung tragen – und dort durch ein offenes Fenster in das Innere einer Wohnung. Und wenn es dann so richtig dumm läuft, landet der Käfer auch noch im Bücherbord – und also mitten im papiernen Schlaraffenland.

Denn das Holz im Wald und das Buch im Regal bestehen aus der puren Lieblingsspeise des Gemeinen Nagekäfers: Zellulose. Hat der Käfer sein Glück erstmal gefasst, schaut er sich flink nach einem Ablageplatz für  die frische Brut um. Das können Spalten, Ritzen, raue Oberflächen sein. Ist die Larve geschlüpft, bohrt sie sich sogleich ins Papier – und beginnt sein Tunnelsystem kreuz und quer durch den Buchblock zu treiben. Erst unmittelbar vor der Verpuppung kommt der winzige Nager dann ans Tageslicht – und sucht sich einen Geschlechtspartner.

Sitzt man zur Brunftzeit mucksmäuschenstill in seiner vom Käferfraß befallenen Bibliothek, hört man, wie zum Hohn, das Klopfen der Käfer. Das Klopfen, verstärkt vom Resonanzboden der Regalbretter, ist gleichsam der Brunftschrei der Käfer – und eine akustische Demütigung des Bücherfreundes, der das putzmuntere Werben und Kopulieren seiner Hausgäste machtlos erdulden muss.

Wie alt werden Bücher?

Geschrieben von Dr. Books am 25. Oktober 2009 | Abgelegt unter Leser fragen, Dr. Books antwortet

A.S. aus B. fragt, wie alt Bücher werden können? – Das älteste Buch, in dem neben dem Lateinischen auch erstmals die althochdeutsche Sprache verwandt wurde, hat ein Geistlicher im späten 8. Jahrhundert transkribiert. „Abrogans deutsch“ wird die Rarität genannt, ein Synonyme-Buch für den Grammatikunterricht. Mehr als 1200 Jahre alt.

Ältestes Buch mit deutschen Wörtern: Abrogans deutsch

Industriell gefertigte Bücher werden nicht so alt. Ein verbreitetes Leiden: Säurefraß. Der Grund: Der Leim, der ab etwa 1850 verwendet wurde, war säurehaltig. Die Folge: Das saure Papier löst sich auf. Modernen Recyclingpapieren wird ein Alter von 30 Jahren vorausgesagt – dann sind sie futsch. Notizen auf Telefaxpapier sind, je nach Sonneneinstrahlung, bisweilen schon nach einem Jahr völlig unlesbar.

Die Bibliotheken versuchen den Schwund zu bremsen. Zeitgenössischen Speichermedien ist in der Regel ein sehr viel kürzeres Leben beschieden. Disketten, die noch vor wenigen Jahren üblich waren, sind nach sieben Jahren nicht mehr lesbar. Daten, die man am heimischen Computer auf CD brennt, können schon nach fünf Jahren unzugänglich sein. Den Festplatten sagen Experten eine Haltbarkeit von vielleicht 30 Jahren voraus.

Wer also der Meinung ist, man könne durch Digitalisierung Bücherinhalte unsterblich machen, der irrt. Trotzdem sind Bibliotheken in aller Welt schon seit Jahrzehnten dabei, ihre Bestände auf Mikrofilmen zu konservieren – und danach die Originale wegzuwerfen, um Platz im Depot zu schaffen. Seither existieren zum Beispiel die ältesten und seltensten Zeitschriften in der amerikanischen Library of Congress nur noch auf Mikrofilmen. Und diese sind zum Teil zerkratzt, fleckig, die Aufnahmen sind am Rand beschnitten, so dass man nur Teile der Seite lesen kann – oder es fehlen Seiten völlig.

Selbst bei optimaler Lagerung und wenn kein Nutzer die Mikrofilme je berührt, sind auch diese nicht unendlich haltbar. Im günstigsten Fall, so die Fachleute, überstehen sie vielleicht 1000 Jahre – weniger als die Pergamentschwarte „Abrogans deutsch“ aus dem frühen Mittelalter.

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