Gibt es Bücherwürmer wirklich?

Geschrieben von Dr. Books am 8. November 2009 | Abgelegt unter Leser fragen, Dr. Books antwortet

User F.R. aus W. hält “Bücherwürmer” für eine Metapher. Ihm muss ich antworten: Bücherwürmer gibt es wirklich! Denn völlig zu Recht hängt dem Nagekäfer (Anobium punctatum) das Attribut „Gemeiner“ an. Denn wie anders als „gemein“ soll man das Treiben seiner Larven nennen, wenn diese erstmal Geschmack an der häuslichen Bibliothek gefunden haben und mit unstillbarem Vergnügen Bücherseiten durchbohren?

Der gemeine Nagekäfer ist ein gemeiner Bücherwurm

Der gemeine Nagekäfer ist ein gemeiner Bücherwurm

Draußen im Wald erfüllen die Larven des auch „Holzwurm“ genannten Schädlings die Arbeit einer biologischen Müllabfuhr: Sie zernagen morsches Holz. Sieben, acht Jahre lang. Erst dann kriechen sie durch millimeterschmale Tunnel an die Oberfläche, verpuppen sich und schwingen sich als höchstens fünf Millimeter große Käferlein auf in die warme Sommerluft.

Normalerweise sind Nagekäfer heimattreu: Der modrige Baumstamm, der ihnen jahrelang als Kinderstube und Speisekammer gedient hat, wird meist auch zur Eiablage benutzt. So werden und vergehen Generationen von Nagekäfern auf ein und demselben Holz – bis dieses irgendwann komplett vertilgt ist.

Doch kann es auch passieren, dass laue Lüfte die Käfer während der Flugsaison, von Mai bis August, aus dem Wald heraus und mitten hinein in menschliche Besiedlung tragen – und dort durch ein offenes Fenster in das Innere einer Wohnung. Und wenn es dann so richtig dumm läuft, landet der Käfer auch noch im Bücherbord – und also mitten im papiernen Schlaraffenland.

Denn das Holz im Wald und das Buch im Regal bestehen aus der puren Lieblingsspeise des Gemeinen Nagekäfers: Zellulose. Hat der Käfer sein Glück erstmal gefasst, schaut er sich flink nach einem Ablageplatz für  die frische Brut um. Das können Spalten, Ritzen, raue Oberflächen sein. Ist die Larve geschlüpft, bohrt sie sich sogleich ins Papier – und beginnt sein Tunnelsystem kreuz und quer durch den Buchblock zu treiben. Erst unmittelbar vor der Verpuppung kommt der winzige Nager dann ans Tageslicht – und sucht sich einen Geschlechtspartner.

Sitzt man zur Brunftzeit mucksmäuschenstill in seiner vom Käferfraß befallenen Bibliothek, hört man, wie zum Hohn, das Klopfen der Käfer. Das Klopfen, verstärkt vom Resonanzboden der Regalbretter, ist gleichsam der Brunftschrei der Käfer – und eine akustische Demütigung des Bücherfreundes, der das putzmuntere Werben und Kopulieren seiner Hausgäste machtlos erdulden muss.

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